„So viel Ökostrom gibt es nicht“

10. März 2017

Quelle://DER RABE RALF/ Ausgabe Feb./März 2017

Energiewende geht nur mit weniger Konsum und Verkehr, sagt der Ökonom Niko Paech

Niko Paech ist einer der schärfsten Wachstumskritiker im Land. In dem kürzlich erschienenen Sammelband „Geopferte Landschaften: Wie die Energiewende unsere Umwelt zerstört“ hat der Ökonomieprofessor einen Beitrag veröffentlicht, in dem er die Energiewende einen Mythos nennt, einen „geplatzten Traum vom rückstandslosen, grünen Wachstum“. DER RABE RALF wollte von ihm wissen, warum.

Herr Paech, was ist so schlecht an der deutschen Energiewende? Hat sie nicht einen weltweiten Wettlauf raus aus den fossilen Energien ausgelöst?

Niko Paech: Die deutsche Energiewende umfasst ausschließlich den Einsatz erneuerbarer Energieträger im Elektrizitätsbereich. Für die meisten Klimaprobleme existieren aber gar keine praktikablen technischen Lösungen auf Basis der erneuerbaren Energien. Außerdem erweist es sich als realitätsfern oder gar unmöglich, alle energieintensiven Bereiche zu elektrifi zieren. Denken wir an Flugreisen, Pkws, Gütertransporte per Lkw, an Schiffe, Heizenergie in Gebäuden, Prozesswärme im Produktionsbereich oder an die immensen Energieverbräuche der industriellen Landwirtschaft. Und nicht zuletzt an die „graue Energie“, die in die globalisierte Herstellung jener Güter einfließt, die wir in den europäischen Konsumgesellschaften mit steigender Tendenz nachfragen. Von all diesen Problemen lenkt die deutsche Energiewende ab. Das führt zu einer symbolischen Kompensation und Gewissensberuhigung. Indem die Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung an technische Innovationen delegiert wird, entsteht ein Alibi für Lernverweigerung – nach dem Motto: „Wind und Sonne werden es schon richten. Über Urlaubsreisen und Konsumgewohnheiten muss dann zum Glück nicht mehr gesprochen werden.“ Weiterhin sind die Probleme der schwankenden Stromproduktion aus Wind und Sonne sowie der fehlenden Übertragungsnetze auf absehbare Zeit völlig ungelöst, und zwar sowohl ökologisch also auch ökonomisch. Vor allem aber beruht die Energiewende auf einer mehrfachen Problemverlagerung. Klimaschutz wird gegen Naturschutz ausgespielt. Auch erneuerbare Energieträger sind niemals zum ökologischen Nulltarif zu haben. Das betrifft nicht nur die Industrialisierung der letzten Landschaften, sondern auch die Ressourcen, die zur Produktion der Anlagen und der zugehörigen Infrastrukturen nötig sind, denken wir an Metalle wie Kupfer und Stahl, aber auch an Neodym, Kunststoffe, Beton und so weiter.
An welcher Stelle haben die Vordenker einer dezentralen, bürgernahen Energiewende wie Hermann Scheer sich Ihrer Ansicht nach geirrt?

Hermann Scheer war ein aufrichtiger und kritischer Politiker, der uns schmerzlich fehlt. Aber seine Fortschrittsgläubigkeit und seine Weigerung, unser Wohlstandsmodell dort anzugreifen, wo es nötig wäre, habe ich nie geteilt. Seine Vision einer solaren Weltwirtschaft beruht auf einer massiven Überschätzung der Technik. Machen wir uns klar: Der Beitrag der Photovoltaik zur Primärenergieversorgung in Deutschland beläuft sich auf etwa ein Prozent, der Anteil der Solarthermie auf etwa 0,2 Prozent. Und das, obwohl die Solarenergie mit der finanziellen Brechstange gefördert wurde und viele Photovoltaik-Freiflächenanlagen projektiert wurden. Es kann keine Lösung sein, die eine Technikgläubigkeit einfach gegen eine vermeintlich bessere Technikgläubigkeit auszutauschen.

Läuft eine radikale Kritik an der Energiewende angesichts der realen Verhältnisse nicht Gefahr, das Geschäft der Stromkonzerne und der
Weiter-so-Fraktion zu betreiben und am Ende „ohne alles“ dazustehen? Muss es einem nicht zu denken geben, wenn Atomkraftbefürworter und Klimawandelleugner ein Buch wie „Geopferte Landschaften“ loben?

Erstens, je radikaler die fast schon religiöse Züge annehmende Technikgläubigkeit ist, desto radikaler ist logischerweise auch die Kritik, die sie herausfordert. Zweitens – und hier kann ich nur für mich sprechen –, was soll radikal daran sein, den Ausbau der erneuerbaren Energien eben nur im Rahmen ökologischer Grenzen zuzulassen? Wind- und Solaranlagen sind derzeit die beste Technologie, über die wir verfügen, aber damit wird das Wachstumsproblem einer aus dem Ruder gelaufenen Konsum- und Mobilitätsgesellschaft nicht einmal ansatzweise gelöst, sondern es kann sogar verschleppt werden. Erneuerbare-Energie-Anlagen
gehören nicht in die Landschaften, sondern ausschließlich auf Industriebrachen, stillgelegte Flughäfen und stillgelegte Autobahnen oder auf Gebäudedächer. Die auf diese Weise mögliche Energieprodukt ion wäre ökologisch verantwortbar – aber ganz bestimmt nicht vereinbar mit dem derzeitigen Wohlstandsmodell. Das ist die unbequeme Wahrheit, um die sich die Vordenker der Energiewende drücken. Jenen, die der billigen Polemik der, Atom- und Kohlebefürworter auf den Leim gehen, kann ich nicht damit helfen, dass ich ihnen eine Energiewende verspreche, die defi nitiv keine Lösung sein kann. Der Atom- und Kohleausstieg war und ist absolut notwendig – übrigens genauso der Ausstieg aus dem Flugreisen- Hedonismus, was in heuchlerischer Weise zumeist unterschlagen wird. Wer den Kritikern der Energiewende vorwirft, sie würden der Atom- und Kohlelobby Argumente zuspielen, zeigt, wessen schlicht gezimmerten Geistes Kind er oder sie ist: Nämlich nicht wahrhaben zu wollen, dass es erstens kein Menschenrecht auf jedes beliebige Energieversorgungsniveau geben kann, und zweitens zu leugnen, dass immer ein dritter Weg zwischen den beiden gescheiterten technologischen Dogmen existiert, nämlich unser Wohlstandsmodell auf Basis einer „Postwachstumsstrategie“ so weit zurückzubauen, dass die dann noch benötigte Energie ökologisch verträglich bereitgestellt werden kann.

Das Buch ist in weiten Teilen eine konservative, naturschützerische, regionalbezogene Kritik an der Energiewende. Böse gesagt: Hier schreiben ältere Herren über ihre Befi ndlichkeiten und haben entweder gar keine Alternativen anzubieten oder verlangen die nötigen Einschränkungen von den anderen. Fühlen Sie sich wohl als Mitautor in einem Sammelband, der Windräder und Solaranlagen verdammt, aber Tagebaue im Rheinland und in Kolumbien ebenso hinnimmt wie Autobahnen und Zersiedlung? Brauchen wir nicht eher eine progressive, linke, ökologische Energiewende-Kritik, die außerdem über den europäischen Tellerrand schaut?

Selbstverständlich brauchen wir eine Energiewende-Kritik im globalen Maßstab, und alle, die sich für progressiv, links und ökologisch halten, sind aufgerufen, sich einzubringen. Aber dass Sie demgegenüber die Kritik der Autoren von „Geopferte Landschaften“diskreditieren, verrät nur einen ideologischen Vorbehalt und ist ansonsten unsachlich. Wie kommen Sie außerdem darauf, dass die Autoren Kohle-Tagebaue und Autobahnen hinnehmen würden, nur weil dies nicht das Thema des Buches war? Derartige Scheußlichkeiten sind die logische Konsequenz eines Wohlstandsmodells, das durch die Energiewende gerade nicht in Frage gestellt, sondern mit ökologischem Anstrich gerettet werden soll. Und solange die Energiewende nicht funktioniert, wird das Wohlstandsversprechen auf dem Rücken der Ökosphäre ausgetragen. Noch ein Wort zur angeblich „regionalbezogenen“ Kritik: Wenn Ökostrom-Anlagen ökologisch, gesundheitlich und ästhetisch so unbedenklich sind, warum werden sie dann nicht in den Städten oder wenigstens an den Stadträndern platziert? Stattdessen wird ein neuer sozialer Konflikt geschürt: Urbane Mittelschichten ernten die Früchte der Energiewende in Form von Ökostrom und einem grünen Gewissen. Die Folgen werden frei nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ auf die Landschaften und die Menschen in der Region abgewälzt.

Wollen Sie zurück zu einem vorindustriellen Zustand, der weder gerecht noch demokratisch war und den es schon allein aus Mangel an Fläche nicht mehr geben kann?

Die von mir in die Diskussion eingebrachte Postwachstumsökonomie sieht einen prägnanten Rückbau der Industrieversorgung vor, aber eben nie und nimmer deren vollständige Abschaffung. Durch regional- und lokalwirtschaftliche Leistungen soll die verringerte Industrieproduktion ergänzt und sowohl intensiver als auch länger genutzt werden. Dies hier näher auszuführen würde den Rahmen sprengen. Abgesehen davon, dass das keine Rückkehr ins Mittelalter bedeutet, bin ich nicht Ihrer Auffassung, dass das heutige Industriesystem besonders gerecht und demokratisch sei oder mit einer effi zienten Flächennutzung einherginge. Ich behaupte das glatte Gegenteil.

Sie sitzen im Aufsichtsrat der Oldenburger Energiegenossenschaft Olegeno, die Strom aus Windrädern, Photovoltaik und Wasserkraft anbietet. Was ist dort anders als bei den Strukturen, die Sie kritisieren?

Noch mal: Ich bin nicht gegen die Nutzung erneuerbarer Energien, wohl aber gegen deren weiteren Ausbau zu Lasten der letzten noch verblieben Landschaften und als Teil einer grünen Wachstumsstrategie. Olegeno projektiert Vorhaben, die darauf beruhen, Photovoltaik-Anlagen auf Dächern zu installieren. Außerdem werden Projekte anvisiert, die darauf zielen, Energie zu sparen statt zu produzieren.
Interview: Matthias Bauer