Hochwasserschutz geht auch anders

19. Januar 2011

Seit Mittwoch werden an zwei Deichabschnitten mit mehr als 1200 m Länge sämtliche Bäume im Bereich Hans-Driesch-Straße bis zur Mündung der Kleinen Luppe in die Nahle gerodet. Betroffen ist die linke Deichseite, sowie ein fünf Meter breiter Streifen hinter dem Deich, auf dem ein Deichverteidigungsweg angelegt werden soll, um im Notfall mit schwerem technischen Gerät von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk eingreifen zu können. Aber wie sinnvoll ist eine solche Maßnahme im Sinne des Hochwasserschutzes wirklich?

Auch für den Ökolöwen besitzt der Hochwasserschutz für Leipzig eine hohe Priorität. Doch muss man bei den Maßnahmen, welche die Landestalsperrenverwaltung (LTV) nun durchführt, genauer hinschauen. Fachlich höchst umstritten ist die Behauptung, dass Bäume allgemein die Standfestigkeit eines Deiches beeinträchtigen und deswegen zu entfernen sind. Es sollte auf jeden Fall bei den einzelnen Arten und hinsichtlich des Alters der Bäume unterschieden werden! Schwarzerle und Esche gelten als Tief- wurzler, die eine Wurzeltiefe von zehn Metern erreichen können und dadurch eher zur Standfestigkeit eines Deiches beitragen, selbst wenn der Deich aufgeweicht ist. Große, flachwurzelnde Bäume wie Pappeln oder Baumweiden und altersschwache oder morsche Bäume können die Standfestigkeit eines Deiches mindern. Es kommt also auf jeden einzelnen Baum an, ob eine Fällung notwendig ist.

Es gab entgegen den Behauptungen des Krisenstabes und der Umweltverwaltung keine Verfahren zur Deichsanierung. Hier werden die Umweltschützer zum Sündenbock für mangelhaften Hochwasserschutz gemacht. Außerdem fehlt bis heute ein Hochwasserschutzsystem für Leipzig, welches gleichzeitig den Auwald als FFH- und Naturschutzgebiet berücksichtigt und in seiner Entwicklung fördert! Dies fordert der Ökolöwe seit Jahren, doch die Umweltschutzverwaltungen und die LTV nehmen sich diesem Thema nicht an, blockieren und verschleppen – scheinbar mit dem Hintergrund, im Notfall Fällungsarbeiten ohne Verbändebeteiligung unter dem Deckmantel der Gefahrenabwehr durchzuführen.

Nicht die Naturschutzverbände verhinderten in der Vergangenheit die Umsetzung von langfristigen und gut durchdachten Hochwasserschutzmaßnahmen, wie oft behauptet wird. Im Gegenteil. Sie zeigen seit Jahren Möglichkeiten auf, die stets abgelehnt, ignoriert oder wegen Finanzproblemen nicht angegangen werden. Der Freistaat Sachsen und die LTV blockierten bislang die vorgeschlagenen Maßnahmen wie Deichrückverlegung, großräumige Wiedervernässung des Auwaldes und Ausweitung von Überschwemmungsflächen. Schließlich besitzt Leipzig im Vergleich zu anderen Städten mit dem Auwald ein natürliches Überflutungsgebiet, das bei Hochwasser genutzt werden kann und die Stadt vor größeren Schäden bewahrt. Naturschutz ließe sich hier wunderbar mit Hochwasserschutz verbinden, da Auwälder nur existieren können, wenn sie periodische Überflutungen erfahren. Doch seit dem Hochwasser 2002 wurde verschlafen, sinnvolle Maßnahmen, besonders die Deichrückverlegung und Auwaldreaktivierung umzusetzen. So schützen die aktuellen Deiche vorrangig den Wald vor Hochwasser, was völlig unnötig ist. Wenn Hochwasserschutzanlagen dort bestünden, wo sie in einer Stadt Sinn machen, z.B. direkt an Wohngebieten hinter dem Auwald und nicht direkt am Fluss vor dem Auwald, dann könnten auch viele der vorhandenen Deiche und Lebensräume bestehen bleiben.

Der Ökolöwe sprach und spricht sich gegen eine pauschale Rodung aller Bäume und Sträucher auf Deichen im Auwald aus, so wie in den vergangenen Jahren immer wieder gefordert wurde. Eine sinnvolle Untersuchung der einzelnen Deichabschnitte unter Einbeziehung der Naturschutzverbände hat leider nicht stattgefunden. Die massive Rodung wird als Sofortunterhaltungsmaßnahme deklariert. Jedoch muss einem solchen Eingriff immer ein Genehmigungsverfahren vorausgehen. Mit dieser undifferenzierten Hauruckaktion erweckt die LTV nur den Eindruck, sich um ein ordentliches Planungsverfahren mit entsprechenden Ausgleichsmaßnahmen zu drücken! Doch das Verfahren muss nachholend stattfinden. Wenigstens die Anlage des Deichverteidigungsweges ist keine Deichunterhaltung, sondern ein Neubau, wie man am Alter der gefällten Bäume sehen kann, denn diese sind z.T. über 50 Jahre alt gewesen. Und ob man die Anlage eines Weges nach mehr als einem halben Jahrhundert noch genehmigungslos als Unterhaltung deklarieren kann, dürfte doch sehr bezweifelt werden!

Die Umweltschutzverwaltung muss ihre Blockadehaltung ablegen und endlich etwas für den Schutz des Leip-
ziger Auwaldes unternehmen! Der Ökolöwe steht, wie immer, für konstruktive Gespräche bereit!

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