„Windräder sind eine zunehmende Gefahr“

7. Mai 2015

Quelle:// Freie Presse / Ausgabe Freiberg vom 24.03.2015 / Autor Steffen Jankowski

 

Der Grünen-Politiker Wolfram Günther hat die illegale Jagd auf Greifvögel und Eulen im Landkreis beklagt. Für Naturschützer ist das ein Ablenkmanöver.
SEIFERSDORF – Der Rotmilan, den Thomas Hergott vorige Woche neben der Windkraftanlage im Großschirmaer Stadtteil Seifersdorf gefunden hat, muss qualvoll verendet sein. „Die Handschwinge war abgetrennt, das Tier konnte nicht mehr fliegen“, sagt der Naturfreund aus dem benachbarten Reichenbach, den ein Landwirt alarmiert hatte. Vermutlich sei der Greifvogel im Nebel in den Schlagkreis der Rotorblätter geraten und getroffen worden.

Hergott hatte sich auf den Artikel „Vergiftet, beschossen, geraubt“ hin bei der Redaktion gemeldet. Der Beitrag, den „Freie Presse“ am 16. März veröffentlicht hatte, berichtet über die illegale Jagd auf geschützte Greifvögel und Eulen in Mittelsachsen. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Wolfram Günther wird als Politiker zitiert, der von einer Dunkelziffer von über 90 Prozent spricht.

Er habe darauf aufmerksam machen wollen, dass auch die Windkraftanlagen eine tödliche Gefahr für Vögel, Eulen und Fledermäuse darstelle, erklärt Naturfreund Hergott: „Eine zunehmende.“ Auch hier sei die Zahl der unentdeckten Fälle extrem hoch – die Opfer flögen zum Teil noch ein beachtliches Stück, zudem würden Raubsäuger um Windräder patrouillieren: „Die wissen, wo es was zu holen gibt.“

Die Grüne Liga Sachsen geht sogar noch einen Schritt weiter und wirft Günther ein Ablenkmanöver vor. „Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Thematisierung der Wilderei Einzelner auf geschützte Arten von den großen Problemen des Vogelschutzes ablenken soll“, urteilt Tobias Mehnert. Der Chef des Dachverbands sächsischer Naturschutzvereine und -initiativen rät, „nicht auf parteipolitisch geprägte Scheindebatten von Windkraftlobbyisten hereinzufallen.“ Es gelte, den Lebensraum der heimischen Vögel vorrangig vor Eingriffen wie Windkraftanlagen und neuen Straßen im Wald zu schützen, so Mehnert.

Auch die Grüne Liga Sachsen verfolge mit Sorge, so der Vereinsvorsitzende weiter, dass trotz strenger Schutzbestimmungen einige wenige unverbesserliche Zeitgenossen die illegale Jagd auf Greifvögel nicht aufgäben. Bei aller Aufmerksamkeit für diese Einzelvorgänge dürfe die naturschutzorientierte Öffentlichkeit jedoch nicht die Augen verschließen vor den aktuellen Gefahren für die Vogelwelt, die aus dem Bau und Betrieb von Windkraftanlagen entstanden seien beziehungsweise immer noch entstünden.

Für das Land Brandenburg habe bereits im Jahr 2011 eine Studie ergeben, argumentiert Mehnert, dass 304 Rotmilane an den Windkraftanlagen des Landes den Tod fanden. „Und wenn man bedenkt, dass der Rotmilan ein Aasfresser ist, erklärt sich auch dessen erhöhte Tötungsrate – der Greifvogel sucht bevorzugt die Windkraftanlagenstandorte auf, weil er dort entsprechend viel Nahrung, also tote Tiere findet“, erklärt der Gahlenzer.

Die sächsischen Grünen haben sich den Ausbau der Windkraft auf die Fahnen geschrieben. Bis 2020 sollen damit 30 bis 50 Prozent des sächsischen Energiebedarfs gedeckt werden. Dabei sollen der Naturschutz und die Landschaftsverträglichkeit gewahrt und Siedlungsabstandsflächen beachtet werden.

„Die Windkraft ist nicht pauschal ein Problem für Greifvögel“, sagte Wolfram Günther auf Nachfrage. Das entscheidende Kriterium sei der Standort der Anlagen; hier habe man in der Vergangenheit „erheblich dazugelernt“. Die Nähe eines Waldes und Talhänge an Flüssen beispielsweise seien problematisch. Darauf werde bei Genehmigungsverfahren jetzt stärker geachtet, zudem könnten die Tiere auch weggelockt und vergrämt werden. Günther kündigte zugleich eine Kleine Anfrage im Landtag zu den Schlagopferzahlen durch Windräder an: „Wir brauchen harte Fakten.“

 

Freiberger Zeitung, 24. März 2015

 


 

Freistaat zählt keine toten Vögel

 

FREIBERG – In der Debatte, ob Greifvögel vor allem durch  Windenergieanlagen oder durch Jäger in Mittelsachsen ums Leben kommen, kann die Landesregierung nicht helfen. Der Bitte des Grünen-Landtagsabgeordneten Wolfram Günther nach statistischen Zahlen zur Tötung von Vögel durch Windenergieanlagen konnte das Umweltministerium nicht nachkommen. Ganz einfach, weil diese Zahlen nicht erhoben werden. Dies teilte Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) nun Günther mit. Auch landesweite Studien zu den Auswirkungen der Anlagen auf Vögel oder Fledermäuse lägen nicht vor. Die Grüne Liga Sachsen hatte Günther Ablenkungsmanöver vorgeworfen, weil er den Abschuss von geschützten Greifvögeln in Mittelsachsen beklagte. In den Augen der Umweltschützer sind Windenergieanlagen ein größeres Übel. (kok)

Flöhaer Zeitung, 30. April 2015